Geschichte

© SMH / Kay-Christian Heine


1946.
Hitzacker, vor dem Krieg ein kleines Städtchen an der Elbe mit rund 2.000 Einwohnern, hatte durch den Zustrom von Flüchtlingen seine Einwohnerzahl verdoppelt. Unter ihnen befanden sich Musiker, die mit großem Engagement Haus- und Kirchenkonzerte veranstalteten. Im Sommer des Jahres 1946 fanden dann die ersten Sommerlichen Musiktage statt, mit denen „an der Grenze des freien Deutschland eine Hochburg edelster deutscher Kultur" errichtet werden sollte, wie es damals noch ganz im Hochton deutsch-nationaler Kunstergriffenheit hieß.

In den ersten Jahren des Festivals lag die Trägerschaft bei der Stadt Hitzacker. Als Künstlerischer Leiter hat der aus Berlin kommende Cellist Hans Döscher (bis zu seinem Tode im Jahre 1971) den Musiktagen ein unverwechselbares Profil gegeben: Alte und Neue Kammermusik der vielfältigsten Art zu Gehör zu bringen. Dies ist mit wechselnden Schwerpunkten bis heute das Grundprinzip des Musikfestes geblieben. 1947 stand erstmals ein Werk von Paul Hindemith auf dem Programm, erste Uraufführungen folgten im Jahr darauf. In diesem Jahr war aber auch zum ersten Mal ein historisches Instrument, eine Viola da Gamba, zu hören.

1951. Die Stadt Hitzacker fand sich finanziell nicht mehr in der Lage, die Musiktage zu tragen. Hans Döscher regte die Gründung eines Vereins, der „Gesellschaft der Freunde der Sommerlichen Musiktage Hitzacker" an, um dem inzwischen etablierten Kammermusikfest eine stabile Grundlage zu geben. Am 24. Februar 1951 gründeten 18 Bürgerinnen und Bürger der Stadt Hitzacker den Verein; die Sitzung fand im „Tanzsaal" des Hotel−Restaurants „Waldfrieden" statt, wo auch viele Konzerte der „Sommerlichen“ erklangen und 1952 der Rundfunk erste Aufnahmen machte. Bis heute liegt die Verantwortung für das Festival bei dem ehrenamtlich agierenden Verein.

Monteverdis früher Oper „Orfeo" (1955 aufgeführt) war ein unbestrittener Höhepunkt dieser Jahre bei den „Sommerlichen“. Von der Deutschen Grammophon als Schallplatte herausgebracht, trug diese Aufführung ganz wesentlich dazu bei, das Festival weit über die Region hinaus bekannt zu machen.

1972. Mit dem Tod von Hans Döscher und der Ernennung von Günther Weißenborn zum Künstlerischen Leiter begann eine neue Ära bei den Sommerlichen Musiktagen. Vor allem der Musik des 20. Jahrhunderts wurde einen breiteren Raum verschafft. 1973 wurde erstmals ein Kompositionsauftrag vergeben, der an Günter Bialas erging. Ein Jahrzehnt später erhielt ihn der 21-jährige Wolfgang Rihm. Weitere folgten und mit der Ausschreibung eines internationalen Kompositionswettbewerbs im Jahre 1974 setzte die gezielte Förderung des Komponistennachwuchses ein.

1975. Im diesem Jahr konnten die Sommerlichen Musiktage Hitzacker mit der Einweihung des „Kurhauses" (heute VERDO) aus der drangvollen Enge des „Waldfrieden" in ein größeres und vielfältig nutzbares Konzerthaus umziehen.

1985. In seinem letzten Festivaljahr hatte Weißenborn mit Rudolf Kelterborn einen „Composer in Residence", einen Komponisten „zum Anfassen", eingeladen. Damit begann eine Tradition, die bis heute gepflegt wird. Zu den Gästen gehörten bisher u.a. Isang Yun, Krzysztof Penderecki. Jörg Widmann und Daniel Ott. Nicht nur „junge" Musik, sondern auch junge Künstler zu fördern, war ein weiterer Schwerpunkt. So war Hitzacker u. a. für den Pianisten Evgeni Koroliov, die Klarinettistin Sabine Meyer, das Trio Fontenay, das Amadeus und das Auryn Quartett, die Violinistin Baiba Skrida und die Cellistin Sol Gabetta eine wichtige Station auf ihrem Weg zum internationalen Ruhm.

1987. Nach einem einjährigen Intermezzo Eduard Brunners übernahm Wolfgang Boettcher für sechs Jahre die Leitung der Sommerlichen Musiktage. Ihm lag besonders am Herzen, den Begriff der Kammermusik nicht auf das klassisch-romantische Repertoire zu begrenzen, sondern neben der Öffnung zur Gegenwart die Öffnung in die Vergangenheit bis zum Mittelalter bewusst zu betreiben und dabei gleichzeitig nach allen Seiten zu erweitern. Auch die während der Naziherrschaft unterdrückte Musik jüdischer und „verfemter“ Komponisten der Zeit wurde hier schon früh der Vergessenheit entrissen. „Nachtmusiquen" sorgten für Heiterkeit und Entspannung.

1993. Claus Kanngiesser übernahm die Künstlerische Leitung der Sommerlichen Musiktage Hitzacker nun schon in einer Tradition stehend, die es weiterzupflegen und gleichzeitig weiterzuentwickeln galt; so z. B. in der verstärkten Integration von „Nachbarkünsten" wie Tanz, Jazz, Literatur und Bildenden Künsten sowie der Pflege der Beziehungen zwischen Künstlern und Publikum, die von Anfang an ein Spezifikum der „Sommerlichen" waren und durch den genius loci in idealer Weise gefördert wurden und werden.

2002. Mit dem jungen Kultur- und Musikwissenschaftler Dr. Markus Fein übernahm erstmals ein Nicht-Musiker die Leitung der Sommerlichen Musiktage. Und er setzte ziemlich bald neue Schwerpunkte. Die bislang eher sporadische Verbindung von Musikerlebnis und Nachdenken über Musik wurde in der Hörer-Akademie mit solchem Erfolg institutionalisiert, dass sie inzwischen zu einem Markenzeichen der Sommerlichen Musiktage Hitzacker geworden ist. Die Musikvermittlung – auch für junge Menschen – spielte eine starke Rolle im Programm. Schließlich musste Hitzacker in der inzwischen geradezu inflationär angewachsenen Flut großer und kleinerer Musikfestivals auch im Kernbereich, dem Musikangebot, sein Profil schärfen. Das gelang durch ein Programmkonzept, in dem jedes einzelne Konzertereignis „komponiert" war. Bis 2011 prägte Dr. Fein die Entwicklung der „Sommerlichen“; heute leitet er die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.

2012. Die international renommierte Geigerin Carolin Widmann wurde Künstlerische Leiterin des Festivals. Bereits ihr erstes Festivalprogramm unter dem Thema „Exil“ (2012) ließ ihre kreative programmatische Handschrift erkennen. Aber auch mit neuen Programmangeboten (u.a. die Reihe „Late Night Lounge“, eine Festival-Akademie für junge Musikstudierende, Konzert-Ein- und Ausführungen, ein Nachhaltigkeitskonzept) verwirklichen die „Sommerlichen“ unter ihrer Leitung ihr Leitbild: „Tradition trifft Gegenwart – Seit 1946 am Puls der Zeit“. Oder wie NDR Kultur im August 2013 zusammenfasste: „Fazit: Hitzacker ist und bleibt ein Ort der Entdeckungen, des Experiments, der intensiven Debatte. Traumhaft!"

2016. Oliver Wille, Violinist, Kammermusiker (u.a. Mitbegründer des Kuss Quartetts), Professor für Streicher­kammermusik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Leiter der neuen Quartett Akademie am Birmingham Conservatory (England) und erfolgreicher Programmgestalter, wird neuer Intendant.