Geschichte

Sommerliche Musiktage Hitzacker − Deutschlands ältestes Kammermusikfestival

1945. Hitzacker, vor dem Krieg ein kleines Städtchen an der Elbe mit rund 2.000 Einwohnern, hatte durch den Zustrom von Flüchtlingen seine Einwohnerzahl verdoppelt. Unter ihnen befanden sich einige Musiker, die nicht zögerten, Frau Musica hier wieder eine neue Heimstätte zu schaffen. Im Sommer des Jahres 1946 fanden nach Haus- und Kirchenkonzerten dann schon die 1. Sommerlichen Musiktage statt, mit denen, "an der Grenze des freien Deutschland, eine Hochburg edelster deutscher Kultur" errichtet werden sollte, wie es damals noch ganz im Hochton deutsch−nationaler Kunstergriffenheit hieß.

1948. Mit der Währungsreform wäre das hoffnungsvolle Unternehmen beinahe eines frühzeitigen Todes gestorben, hätte nicht der aus Berlin gekommene Cellist Hans Döscher unbeirrt die Vorbereitungen der 3. Musiktage weiter geführt. Als Künstlerischer Leiter hat er bis zu seinem Tode im Jahre 1971 den Musiktagen Hitzackers ihr unverwechselbares Profil gegeben. Alte und Neue Kammermusik der vielfältigsten Art zu Gehör zu bringen ist mit wechselnden Schwerpunkten das Grundprinzip des Musikfestes geblieben. 1947 stand erstmals ein Werk von Paul Hindemith auf dem Programm, erste Uraufführungen folgten im Jahr darauf. In diesem Jahr war aber auch zum ersten Mal ein historisches Instrument, eine Viola da Gamba, zu hören. 1951 gab Döscher mit der Gründung der "Gesellschaft der Freunde der Sommerlichen Musiktage Hitzacker" dem inzwischen etablierten Kammermusikfest die stabile organisatorische Grundlage. Im "Tanzsaal" des Hotel−Restaurants "Waldfrieden", großzügig Festspiel-Stätte genannt, hatten die Sommerlichen Musiktage inzwischen auch eine für die damalige Zeit durchaus akzeptable Heimstatt gefunden. 1952 machte der Rundfunk erste Aufnahmen.

1972. Die Ära Günther Weißenborns begann, der neue Akzente setzte und vor allem der Musik des 20. Jahrhunderts breiteren Raum verschaffte. 1973 wurde erstmals ein Kompositionsauftrag vergeben, der an Günter Bialas erging. Ein Jahrzehnt später erhielt ihn der 21−jährige Wolfgang Rihm. Der bisher letzte wurde gerade (2011) an Kit Armstrong vergeben. Mit der Ausschreibung eines internationalen Kompositionswettbewerbs im Jahre 1974 setzte die gezielte Förderung des Komponistennachwuchses ein. Detlev Müller-Siemens und Michael Denhoff gehörten zu den Preisträgern dieses ersten Wettbewerbs. Im darauf folgenden Jahr konnten die Sommerlichen Musiktage Hitzacker mit der Einweihung des "Kurhauses" aus der drangvollen Enge des "Waldfriedens" in einen größeren und vielfältig nutzbaren Konzertsaal umziehen. 1985, in seinem letzten Festivaljahr hatte Weißenborn mit Rudolf Kelterborn einen "Composer in residence", einen Komponisten "zum Anfassen" also, eingeladen. Weltberühmte Komponisten waren seither in Hitzacker zu Gast, u. a. Isang Yun, Henri Dutilleux, Sofia Gubaidulina, Krzysztof Penderecki. Nicht nur "junge" Musik, sondern auch junge Künstler zu fördern, war ein weiterer Schwerpunkt. So war Hitzacker u. a. für den Pianisten Evgeni Koroliov, die Klarinettistin Sabine Meyer sowie das Trio Fontenay und das Amadeus und das Auryn Quartett eine wichtige Station auf ihrem Weg zu internationalem Ruhm.

1987. Nach einem einmaligen Intermezzo Eduard Brunners übernahm Wolfgang Boettcher für sechs Jahre die Leitung der Sommerlichen Musiktage. Ihm lag besonders am Herzen, den Begriff der Kammermusik nicht auf das klassisch-romantische Repertoire zu begrenzen, sondern neben der Öffnung zur Gegenwart die Öffnung in die Vergangenheit bis zum Mittelalter bewusst zu betreiben und dabei gleichzeitig nach allen Seiten zu erweitern. Schon früh hatten so in Hitzacker (vor den Toren Hamburgs?) neben instrumentaler und vokaler Kammermusik das Kammerorchester und die Kammeroper ihren Platz gefunden, von Monteverdis früher Oper "Orfeo" (1955) bis zu Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" (1990). Der "Orfeo", von der Deutschen Grammophon als Schallplatte herausgebracht, trug ganz wesentlich dazu bei, die Sommerlichen Musiktage Hitzacker weithin bekannt zu machen. Auch während der Naziherrschaft unterdrückte Musik jüdischer und verfemter Komponisten der Zeit wurde hier schon früh der Vergessenheit entrissen. "Nachtmusiquen" sorgten für Heiterkeit und Entspannung.

1993. Claus Kanngiesser übernahm die Künstlerische Leitung der Sommerlichen Musiktage Hitzacker nun schon in einer Tradition stehend, die es weiterzupflegen und gleichzeitig weiterzuentwickeln galt, so z. B. in der verstärkten Einbeziehung von "Nachbarkünsten" wie Tanz, Jazz, Literatur und Bildenden Künsten sowie der Pflege der Beziehungen zwischen Künstlern und Publikum, die von Anfang an ein Spezifikum der "Sommerlichen" waren und durch den genius loci in idealer Weise gefördert wurden und werden.

2002. Mit dem jungen Kultur- und Musikwissenschaftler Dr. Markus Fein übernahm erstmals kein Musiker die Leitung der Sommerlichen Musiktage. Eine Entscheidung, die zeitgemäß und richtig war. Das hat sich vom ersten Tage an erwiesen. Auch Fein steht in der Tradition und setzt gleichzeitig neue Schwerpunkte. Die bislang eher sporadische Verbindung von Musikerlebnis und Nachdenken über Musik wurde in der Hörer-Akademie mit solchem Erfolg institutionalisiert, dass sie inzwischen zu einem Markenzeichen der Sommerlichen Musiktage Hitzacker geworden ist. Das Gleiche gilt für mancherlei Bemühungen in der Vergangenheit, junge Hörer zu gewinnen. Sie wurden mit der Einrichtung einer Jugend-Akademie ebenfalls institutionalisiert. Schließlich musste Hitzacker in der inzwischen geradezu inflationär angewachsenen Flut großer und kleinerer Musikfestivals auch im Kernbereich, dem Musikangebot, sein Profil schärfen. Das gelang durch ein Programmkonzept, in dem jedes einzelne Konzertereignis "komponiert" und in dieser Form nur in Hitzacker zu erleben ist. Nicht nur die Besucher, sondern auch die Interpreten wissen das zu schätzen. "Das älteste deutsche Kammermusikfest ... eine Produktionsstätte innovativer Konzepte und mutig−vorausschauender Impulse". So sah es der Rezensent der Neuen Zeitschrift für Musik im Jubiläumsjahr 2005. 2011 ist Dr. Feins letztes Jahr in Hitzacker. Seine Nachfolgerin steht schon fest:


2012
. Carolin Widmann. Wir freuen uns auf die Fortschreibung der Geschichte der Sommerlichen Musiktage Hitzacker, im Geiste der Qualität, der Innovation und der Tradition.