Rückblick auf das Festival 2019

30 Jahre neu gewonnene Freiheit – „... grenzenlos ...“: Kaum irgend­wo spürt man das nach der Wiedervereinigung von Ost- und West­deutschland so deutlich wie in Hitzacker. Dort, wo der Blick vor und nach den Konzerthälften vom VERDO aus weit über die Elbe in die Mecklenburgische Aue schweift. Oliver Wille, Intendant der Som­merlichen Musiktage, stammt aus Ostberlin und erlebte selbst „die Wende“ als vierzehnjähriger Geiger als Durchbruch in die internati­onale Musikwelt. Die plötzlich entgrenzten Möglichkeiten hat er in seinem Festivalprogramm 2019 eindrucksvoll reflektiert.

Schon das Eröffnungskonzert mit dem Kuss Quartett und der Sänge­rin Sarah Maria Sun ließ mit Schönberg „Luft von anderem Planeten“ spüren und führte mit dem glücklicherweise persönlich anwesen­den Aribert Reimann, der hier kurz vor der Wende Residenzkompo­nist gewesen war, einen ganz heutig Schaffenden vor, der mühelos Brücken zwischen Stilepochen schlägt.

Wenn dann noch ein exzeptioneller Künstler wie Steven Isserlis die spieltechnischen Grenzen seines Streichinstruments austestet und das Kuss Quartett zur Nacht beweist, wie gut das Zusammenspiel mit einem armenischen Duduk-Zauberer funktionieren kann, ist das weite Feld der Entgrenzung bereits am Eröffnungstag exemplarisch ausgeschritten.

Bevor sich Gidon Kremer vehement für die immer noch unterschätz­te, von der Begrenztheit sowjetischer Kulturpolitik behinderte Musik Weinbergs einsetzte, wurden auf einer Kammermusik-Tour zum einen die Region beidseitig der Elbe und zum anderen vier aktuell im Wend­land lebende und schaffende Komponisten „erfahren“ – darunter eine bei ihrer Uraufführung die Sinne fesselnde Auftragskomposition der Sommerlichen Musiktage an Clemens von Reusner. Sie tauchte das historische Kaufhaus in Dömitz in elektroakustische Wellen-Echos des ehemaligen Grenzflusses Elbe.

Während Albrecht Mayer, Künstlerischer Leiter der Musikwoche, mit seinem Gegenbesuch und einem maximal klangsinnlichen Konzert endgültig alles Trennende zwischen den beiden Hitzacker-Festivals in die Historie verbannte, wird sich der gleich darauf folgende Dienstag ebenso in die Annalen einbrennen: Schirmherr Stephan Weil, Nie­dersächsischer Ministerpräsident, erlebte vor Ort mit, wie Oliver Wille die heikle Gratwanderung um das „DDR-Lied“ (mit Gesangsstars wie Annette Dasch und Roman Trekel und dem kundigen Spezialisten Steffen Schleiermacher) zum hochgradig spannenden Ereignis ge­rinnen ließ – changierend zwischen verbrämtem ideologischen Gift und höchster Kunst.

Das Porträt und die Uraufführung von Enno Poppe zeigte einmal mehr, wie zentral wichtig bei den Sommerlichen Musiktagen die Innovation genommen wird. Und zur Innovation gehört immer der junge Impuls – hier vertreten durch die Preisträger-Akademie, die im interaktiven Austausch mit der Schauspielsparte in der Hannove­raner Hochschule für Musik, Theater und Medien im wahrsten Sinne spielerisch gängige Kammermusik-Konventionen überwand: „Warte ... Deutschland“ förderte irritierend das lohnende Nachdenken über eine wieder vollständig west-östliche Kulturnation.

Ganz der höchsten Kammermusikkunst gewidmet war der Festival- Freitag. Im Spiegel des Jubiläums der Karl Klingler-Stiftung führten die Sommerlichen Musiktage vor, wie sehr es sich lohnt, hier die jun­ge Ensemble-Elite ins Licht zu rücken.

Wenn eine ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin wie Marianne Birthler auf nachhaltige Veränderungen entlang der ehemaligen Grenze ver­weist, der renommierte Mädchenchor Hannover auf der Westseite der Elbe Pionierlieder anstimmt und ein Fazil Say mit furiosem In­grimm den Frust über immer noch nicht überall überwundene (kul­tur)politische Scharten in Klangströme gießt, sind die Sommerlichen Musiktage Hitzacker ganz bei sich und ihrer „... grenzenlos ...“ zur Dis­kussion anregenden Aussagekraft.

Umso befreiender, Hoffnung spendender wirkte da die gelungene Fusion von Kammerorchesterkunst abendländischer Aufklärungszeit und morgenländischer Spielleidenschaft – mit der syrischen Weltmu­sik-Band Syriab zum Ausklang einer uneingeschränkt bemerkens­werten Festivalwoche.